Interview zu “Der Kinderzug”

Während sich “Kaltenbruch” (2018) mit den Schatten der Nachkriegszeit befasst, greifen Sie in “Der Kinderzug” das Thema der Kinderlandverschickung auf. Mich hat dies sehr fasziniert und gleichzeitig überrascht, da mir dieser Teil der Geschichte völlig unbekannt war, bis ich Ihr Buch gelesen habe. Was hat Sie dazu bewegt, genau diese Thematik zum Inhalt Ihres Buches zu machen und damit den Kindern und Jugendlichen der damaligen Zeit eine Stimme zu geben?

Michaela Küpper: Meine Absicht war tatsächlich Kindern eine Stimme zu geben, die nie eine gehabt haben. Ich wollte einen Teil unserer Geschichte ins Licht rücken, der bislang eher hinten runtergefallen ist, eben weil er “nur” Kinder betraf. Es wird ja nie recht thematisiert, was Kinder in Kriegszeiten durchmachen.  Das Politische und Militärische steht bei bewaffneten Konflikten doch immer sehr im Vordergrund und wird auch in der historischen Forschung bis ins Kleinste ausgeleuchtet. Das Schicksal der betroffenen Menschen, und insbesondere das der Kinder als schwächste Glieder einer Gesellschaft, interessiert weniger.
Dieses Desinteresse hat hier in Deutschland, auf den 2. Weltkrieg bezogen, etwas mit der unseligen Rolle zu tun, die wir darin gespielt haben. Es lässt sich aber überall beobachten, wo Konflikte eskalieren. Dabei können gerade die Kinder ja nun überhaupt nichts für das Elend, in das sie hineingezwungen werden.
Es geht mir aber nicht nur um das Sichtbarmachen dieses Elends, um das Anerkennen von Leid, um Empathie und Mitgefühl, es gibt da noch einen weiteren wesentlichen Aspekt, der meiner Meinung nach grundsätzlich zu kurz kommt: diese Kindergenerationen sind ja morgen schon die Erwachsenen! Sie werden also sehr schnell diejenigen sein, die die Gesellschaft prägen. Und dann rächt sich so Einiges. Diese generationsübergreifenden Dynamiken sind übrigens auch der gemeinsame Nenner meiner Romane “Der Kinderzug” und “Kaltenbruch”, die ja ansonsten recht unterschiedlich sind.

Zu Recherchezwecken haben Sie zahlreiche Originalbriefe, Tagebuchaufzeichnungen und Zeitzeugenberichte gesichtet und gelesen. Gab es überhaupt die Möglichkeit noch mit Zeitzeugen zu reden und Erlebtes in persönlichen Gesprächen zu erfahren?

Michaela Küpper: Ja, es gibt noch die Möglichkeit mit Zeitzeugen zu sprechen. Diese Menschen haben die Verschickung aber meist als kleine Kinder erlebt. Bis zum Alter von 10 Jahren kamen die Kinder damals nicht in Lager, sondern zu Familien. Das ging mal gut und mal weniger gut. Manchmal wurden sie liebevoll umsorgt und es hielten sich lebenslange Freundschaften, manchmal wurden sie sehr schroff aufgenommen. Aber Heimweh war immer ein Thema. Darunter haben viele Kinder wirklich sehr gelitten. Einige Betroffene haben ihren eigenen Kindern und Enkeln später von ihren Erlebnissen erzählt, die diese Schilderungen wiederum weitergegeben haben. So kursieren heute noch Geschichten über diese Zeit, wenn auch eher fragmentarisch. Wichtig waren für mich aber vor allem auch die von Historikern geführten Zeitzeugen-interviews mit Betroffenen, die heute bereits verstorben sind. Diese Erzählungen – oft in Bild und Ton festgehalten – haben mir bei meiner Arbeit sehr geholfen.

Neben Ihren beiden Romanen zur Kriegs- und Nachkriegszeit schreiben Sie hauptsächlich Kriminalromane und Kinderbücher. Ist zukünftig auch ein Ausflug in andere Genres denkbar? Und wenn ja, welche Sparte der Literatur würde sie besonders reizen?

Michaela Küpper: Was andere Genres betrifft: man soll ja grundsätzlich niemals “nie” sagen. Aber momentan liegt mir das Genre “zeitgeschichtlicher Roman” doch sehr am Herzen. Geschehnisse ins Licht zu rücken, die nie so recht beachtet wurden, Menschen durch eine Erzählung für bestimmte Themen zu interessieren, sie zum Nachdenken anzuregen, das fasziniert mich schon sehr. Und es ist auch für mich jedes Mal sehr spannend und lehrreich. Aber hin und wieder brauche ich einen Ausgleich zu dieser doch auch sehr intensiven Arbeit. Ich entwickle zum Beispiel Krimi-Rollenspiele. Da kann ich dann eher meinen Sinn für Humor ausleben.

Der Beruf des Autors ist vor allem von Recherche- und Einzelarbeit geprägt. Wie gestaltet sich bei Ihnen ein typischer Arbeitstag? Schreiben Sie, wenn die Muse Sie küsst oder folgen Sie einem strukturierten Arbeits- bzw. Schreibplan?

Michaela Küpper: Ohne hin und wieder von der Muse geküsst zu werden, ist es wohl schwierig literarisch zu schreiben. Gerade bei der Ideenfindung und den anfänglichen Weichenstellungen ist viel Bauchgefühl im Spiel, auch bei der Entwicklung der Figuren. Der Rest ist dann aber eher harte Arbeit. Ich recherchiere vorab und schreibe zunächst ein Exposé, also eine Art Grundgerüst, einen Pfad, den ich entlanggehen möchte. Beim eigentlichen Schreibprozess gehe ich dann auch mal Umwege, es gibt Hindernisse oder es tun sich Abzweigungen auf.
Das ist für mich ja das eigentlich Magische am Schreiben, dass die Figuren mich manchmal überraschen und ihren eigenen Weg gehen. So bleibt die Arbeit spannend.
Aber dennoch: Richtung und Ziel sind vorgegeben und das fortlaufende Recherchieren gehört zum Arbeitsalltag. Insgesamt gehe ich dabei heute viel strukturierter vor als zu Beginn meines Schreibens. Das hat aber auch etwas mit Arbeitsökonomie zu tun und mit Handwerk. Die Muse allein reicht eben nicht. Disziplin, Sorgfalt und Durchhaltevermögen spielen ebenfalls eine große Rolle. Entsprechend unspektakulär gestaltet sich mein Arbeitsalltag: ich sitze vor dem Rechner am Schreibtisch. Die Abenteuer finden im Kopf statt.

Was hat sie beim Schreiben  zu “Der Kinderzug” besonders bewegt, vielleicht auch emotional herausgefordert?

Michaela Küpper: Was die emotionale Herausforderung beim “Kinderzug” betrifft: da gab es einiges. Zum Beispiel die teuflische Indoktrination von Kindern und Jugendlichen durch die Hitlerjugend, die ja auch im Rahmen der Kinderlandverschickung federführend war.
Da wurden Kinder dazu gebracht ihre eigenen Eltern zu verraten, da wurden ihnen Waffen in die Hand gedrückt und sie rannten in den Tod. Das fand ich sehr erschreckend. Aber am meisten berührt haben mich die leiseren Dinge: in Originalbriefen zu lesen, wie die Kinder ihre Sorgen runtergeschluckt haben, wie tapfer sie waren. Welche Verluste sie zu verkraften hatten. Auch die Schilderungen von damaligen Lehrerinnen, die den Kindern diese Verluste begreifbar machen mussten, ihre eigene Verzweiflung darüber, mit der sie ja auch umzugehen hatten, das ging mir schon sehr nahe.
Es gibt aber auch Dinge, die mir sehr imponiert haben, etwa der Mut und die Hilfsbereitschaft einiger Menschen unter Gefahren, die wir uns heute gar nicht vorstellen können. Oder auch, dass es Kinder gab, die ganz offensichtlich mehr gesunden Menschenverstand bewahrt haben als die Erwachsenen.

 Ich mag Ihren informativen und interessanten Schreibstil und würde mich freuen, von Ihnen noch weitere Bücher lesen zu können, die sich mit Themen des 2. Weltkrieges oder anderen gesellschaftlichen Umbrüchen befassen. Gut vorstellen könnte ich mir z.B. ein Roman über den  Mauerbau, der nicht nur zahlreiche Familien entzweite. Aber auch ein Buch in dem die Thematik der Hitlerjugend (in “Der Kinderzug” nur kurz angeschnitten) bzw. dem Bund deutscher Mädel fände ich sehr interessant. Ist in dieser Richtung eventuell schon etwas Neues geplant? Auf was können sich ihre Leser freuen?

 Michaela Küpper: Zunächst einmal Danke für das Lob! In der Tat arbeite ich an einem neuen Buch und das Thema wird wieder in Richtung 2. Weltkrieg gehen. Mehr darf ich leider noch nicht  verraten. Aber ich denke mal, dass es die Leserinnen und Leser ansprechen wird, die sich für den “Kinderzug” und “Kaltenbruch” interessieren.

Vielen Dank für die vielen Hintergrundinfos und interessanten Einblicke über eine Thematik, die in der Aufarbeitung des 2. Weltkrieges oft vergessen wird. Vielen Dank, dass Sie den Kindern & Jugendlichen der damaligen Zeit eine Stimme gegeben haben!

 Das Interview führte Daniela Stecker von Buchstabenzauber.de

Weitere Beiträge der Blogtour zum Buch:

28.10. – 01.11.2019 BLOG-TOUR >>
28.10. Der Kinderzug
Manja von www.manjasbuchregal.de
29.10. Nationalsozialismus
Anke von www.svanvithe.blogspot.com
30.10. Kinderlandverschickung
Lena von www.dierabenmutti.de
31.10. Stunde der Entscheidung
Ricky von www.tasty-books.de

Kinderlandverschickung

DER KINDERZUG

Am Schicksal einer Lehrerin und ihrer Kinder erzählt Michaela Küpper sensibel und atmosphärisch von der Kinderlandverschickung unter dem Nationalsozialismus.

Das Ruhrgebiet im Sommer 1943. Die junge Lehrerin Barbara Salzmann soll eine Gruppe Mädchen im Rahmen der sogenannten Kinderlandverschickung für drei Monate begleiten.

Angst, aber auch gespannte Unruhe beherrschen die Gedanken der Kinder, denn sie wissen nicht, was sie erwartet. Das Heim auf Usedom, das ihr zeitweiliges Zuhause werden soll, erweist sich zunächst als angenehme Überraschung, doch dann muss dieses geräumt werden.

Es beginnt eine Odyssee, die nicht nur die Kinder, sondern auch Barbara an ihre Grenzen führt, denn mehr und mehr wird sie, die sich bisher aus der Politik herauszuhalten versucht hat, mit den grausamen Methoden und Plänen der Nationalsozialisten konfrontiert – und mit Menschen, die für ihre Ideologie vor nichts zurückschrecken.

Als eines der Mädchen verschwindet und ein polnischer Zwangsarbeiter verdächtigt wird, kommt für die junge Lehrerin die Stunde der Entscheidung.

Michaela Küpper DER KINDERZUG
Droemer: Roman, Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN 978-3-426-28218-2, € 19,99  (D)/ € 20,60 (A)
Auch als Ebook erhältlich: ISBN 978-3-426-45416-9

Interview zum Buch >>

Deutschlandfunk Kultur

Ulrich Noller und Frank Meyer, Deutschlandfunk Kultur
Ein Beitrag vom 06.03.2018

Die relevanten Themen der Nachkriegszeit

Meyer: Und wenn wir auf die neuen Bücher schauen, ich habe es ja schon gesagt: Zwei neue Trümmerkrimis erscheinen gerade dieser Tage. Morgen kommen die raus. Unter anderem “Kaltenbruch” von Michaela Küpper. Worum geht es denn in diesem neuen Trümmeroman?

Noller: In diesem Roman wird ein Mordfall erzählt, zu dem dann noch ein zweiter hinzukommt, der sich in dörflicher Umgebung in der rheinischen Provinz ereignet hat. An einem Stand, an dem Erdbeeren verkauft werden, irgendwann Ende der 40er-Jahre, an einer Landstraße, wird ein Bauerssohn erschlagen aufgefunden. Eine abgelegene Gegend, die Kripo Düsseldorf muss weit fahren, um dort hinzukommen und muss diesen Mordfall ermitteln. Das wird dann so einerseits ein klassischer Ermittlerkrimi, Polizeikrimi. Und andererseits ist es auch ein Dorfroman, der multiperspektivisch erzählt wird, also aus der Sicht verschiedenster Protagonisten. Und so entsteht, finde ich, ein wirklich detailliertes gesellschaftliches Panoptikum dieses Dorflebens. Das Dorf ist sozusagen die Bühne, in der die Nachkriegszeit aufgeführt wird. Das Ganze ist sehr exakt gearbeitet, zum einen im Detail. Die Autorin versucht nah ranzukommen über diese Erzähler, die sie hat. Andererseits – und da merkt man, dass sie Soziologin ist, die sich auch mit dem Thema beschäftigt hat – hat sie so einen Blick von oben und thematisiert alle möglichen Themen, die so relevant sind in dieser Zeit der Nachkriegszeit.

Die Traumatisierungen der Kriegskinder

Meyer: Und welche sind das, die sie da besonders in den Blick nimmt?

Noller: Was mir besonders aufgefallen ist: Zum einen das Thema, wie Flüchtlinge, aus dem Osten, Vertriebene, wie die behandelt werden von den Einheimischen, nämlich wirklich extrem schäbig. Und das sind ja nicht wie heute Flüchtlinge aus aller Herren Länder, wo man vielleicht noch irgendwie nachvollziehen kann, dass es Berührungsängste gibt, sondern das sind Deutsche, die einfach aus anderen Teilen des Landes kommen, aber wirklich behandelt werden, als wären sie der letzte Dreck. Das deckt sich übrigens auch mit Erzählungen, die mir zu Ohren kamen in den Interviews, die ich geführt habe zu diesen Themen. Das kennt man auch aus anderen zeithistorischen Krimis, diesen Trümmerkrimis. Aber hier wird das sehr deutlich rausgearbeitet, finde ich.

Zum anderen ist ein wichtiges Thema die Wirkung dieser Kriegskindtraumatisierungen, die sich ereignet haben während dieser Zeit. In der Gesellschaft an sich ist es ja schon wirklich ein prominentes Thema gewesen in den letzten Jahren. Zum Beispiel die Publizistin Sabine Bode hat dazu viel gearbeitet und viele Interviews geführt, Gespräche aufbereitet und so weiter und so fort, um die Wirkungen zu dokumentieren. Und bei Michaela Küpper und ihrem Roman “Kaltenbruch” finde ich, ist das so ein ganz zentrales Motiv, das rauszuarbeiten, zu zeigen, was damals wie passiert ist und wie das die Menschen – speziell die kleinen Menschen – geprägt hat, was sie erlebt haben.

Das ganze Gespräch und den Potcast finden Sie hier: